Aktuelles

Nach der Umsiedlung deutscher Siedler aus Westwolhynien im Zusammenhang mit dem Hitler-Stalin-Pakt sind viele Zeugnisse zerstört worden, die an ihr Leben in der Region erinnern. Dörfer wurden zerstört, Friedhöfe dem Erdboden gleichgemacht. Eine Ausnahme bildet die ehemalige Kolonie Wincentówka, die ca. 30 km nördlich von Luzk in der heutigen Nordwestukraine liegt und heute Zavitne heißt. Einige Gebäude, die von den Sieldern errichtet wurden, haben wie durch ein Wunder den Zweiten Weltkrieg überstanden und werden bis heute von den Bewohnern des Dorfes genutzt. Im Dezember 2019 haben historisch interessierte Menschen aus der Region ein Museumszimmer zur deutschen Besiedlung eingerichtet.

Deutsche Kolonie Wincentówka

Deutsche Familien aus Schlesien, die zunächst als Holzfäller für die örtlichen wolhynischen Landbesitzer arbeiteten, gründeten am Anfang des 19. Jahrhunderts die Kolonie Wincentówka. Nachdem der Wald gerodet war, blieben sie als Kleinbauern vor Ort. Neben Landwirtschaft und Viehzucht betrieben sie Gartenbau und verarbeiteten Milch zu Butter und Käse. Als geschickte Handwerker stellten sie Haushaltsgegenstände, Werkzeuge, aber auch Pferdegeschirre und Wagen selbst her.

Die deutschen Kolonisten waren Lutheraner und bauten 1862 ein hölzernes Bethaus, das gleichzeitig als Schule für ihre Kinder diente. 1929 errichteten sie dann eine Kirche aus Stein, die mittlerweile von der orthodoxen Kirche genutzt wird. Laut der polnischen Volkszählung von 1921 lebten dort 212 deutsche Kolonisten.

Nach der Teilung Polens zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion wurden die Deutschen aus Wincentówka im Winter 1939/40 gemäß dem deutsch-sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrag umgesiedelt. Die von ihnen geräumten Häuser wurden anfangs mit zwangsumgesiedelten Ukrainern aus dem neuen deutsch-sowjetischen Grenzgebiet belegt. Später kamen weitere ukrainische Familien aus den umliegenden Dörfern von Wincentówka hinzu.

Das Dorf hatte den Zweiten Weltkrieg wie durch ein Wunder unbeschadet überstanden. Wohnhäuser, Schule, Kirche und Friedhof sind fast noch im Originalzustand erhalten geblieben.

Das Museumszimmer

Dr. Mykhailo Kostiuk aus Luzk, der sich seit vielen Jahren mit der Geschichte der Wolhyniendeutschen beschäftigt, hatte die Idee, einen Erinnerungsort zur deutschen Besiedlung von Wincentówka zu schaffen. In einem ehemaligen deutschen Wohnhaus, in dem sich heute die Dorfbibliothek und das Postamt befindet, war noch ein Zimmer frei. Zusammen mit Olga Tybor vom Verein der Deutschen in Wolhynien und dem Geschichtslehrer des Dorfes Zavitne, Vasyl’ Panas, hat er im Dezember 2019 das sogenannte Museumszimmer zur deutschen Besiedlung eröffnet.

Dort ist mittlerweile eine kleine Ausstellung zur Geschichte der Kolonie mit alten Karten, einer Liste der im Winter 1939-1940 umgesiedelten Hausbesitzer, Büchern, alten Zeitungen sowie Objekten der Alltagskultur aus verschiedenen Epochen zu sehen. Der Museumszimmer wird von Schulkindern, Bewohnern und Gästen des Dorfes Zavitne, Nachkommen von Wolhyniendeutschen aus Deutschland und anderen Ländern der Welt besucht. Bisher wird es allein durch das ehrenamtliche Engagement getragen. Ein Besuch ist nach vorheriger Absprache mit dem Geschichtslehrer Vasyl Panas möglich, der auch Führungen anbietet.

Wohngebäude
Schule
Kirche
Gedenkveranstaltung
Museumszimmer

Schüler der Produktionsschule des CJD Nord in Waren haben gemeinsam mit ihrem Anleiter Ferdinand Schwarz einen Spielturm mit Rutsche und Sandkasten für die jüngsten Gäste des Wolhynier Umsiedlermuseums gebaut und auf dem Museumsgelände aufgestellt. Nach der Fertigstellung haben sie es sich nicht nehmen lassen, die Rutsche sogleich zu testen und für gut befunden.

In Anlehnung an die traditionelle Handwerkstechnik, die die Wolhyniendeutschen beim Bau ihrer Holzhäuser einsetzten, haben die Erbauer des Spielgeräts für die Eckverbindung der Bretter die sogenannte Schwalbenschwanzverbindung gewählt. Diese Verbindungstechnik für Massivholz ist aufwendig in der Herstellung, aber sehr stabil und kommt ohne metallische Verbindungselemente wie Nägel oder Schrauben aus.

Der Spielturm soll Kindern und ihren Eltern den Museumsbesuch angenehmer gestalten und wurde von der Aktion Mensch gefördert.


Seit nunmehr 30 Jahren ist das Wolhynier Umsiedlermuseum bundesweit der einzige Ort, an dem die Geschichte der Wolhyniendeutschen hautnah miterlebt werden kann – eine Geschichte, die an Vielschichtigkeit kaum zu überbieten ist. In dem aus historischer Sicht nur kurzen Zeitraum von etwas mehr als 100 Jahren hatte es deutsche Siedler aus Wolhynien, in der heutigen Nordwestukraine, an die unterschiedlichsten Orte der Welt, wie Sibirien, das Baltikum und Südamerika verschlagen. Die Ursachen und Hintergründe dieser Geschichte sind bis heute zu großen Teilen noch unerforscht und der breiten Öffentlichkeit weitestgehend unbekannt.

Um dies zu ändern, hat das Wolhynier Umsiedlermuseum gemeinsam mit der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen vom 16.–18. Oktober 2022 die Fachtagung „Von Wolhynien zerstreut in alle Welt – Neue Perspektiven und Ansätze zur Erforschung der wolhyniendeutschen (Zwangs-) Migration“ durchgeführt. Referentinnen und Referenten von anerkannten Forschungseinrichtungen und Gedenkinitiativen aus der Ukraine, Polen und Deutschland haben bei der dreitägigen Veranstaltung den aktuellen Stand der historischen Forschung vorgestellt und diskutiert. Im Mittelpunkt standen dabei wichtige Stationen in der Geschichte der Wolhyniendeutschen, wie das Leben der deutschen Siedler in Wolhynien, die Auswanderung nach Übersee, ihre Situation als ethnische Minderheit in Polen und der Sowjetunion, die Umsiedlung in den sogenannten Warthegau und der Neubeginn als „Umsiedler“ in der Sowjetischen Besatzungszone.

Neben der historischen Forschung lag ein weiterer Schwerpunkt auf der Vorstellung von Projekten, die Schülerinnen und Schülern sowie jungen Erwachsenen mittels Theaterpädagogik oder Film- und Schreibwerkstätten einen kreativen Zugang zu dieser Geschichte bieten. Abgerundet wurde die Veranstaltung durch eine Podiumsdiskussion zur Zukunft der Erinnerungsarbeit an die wolhyniendeutsche Geschichte und Kultur. Bei den Referenten und Gästen herrschte einmütig die Überzeugung, dass dem Wolhynier Umsiedlermuseum als Schnittstelle zur Wissenschaft eine besondere Bedeutung für die Vermittlungsarbeit zukommt. Damit es dieser Aufgabe gerecht werden kann, ist jedoch eine verlässliche öffentliche Förderung durch das Land und den Landkreis unbedingt erforderlich.

Die Tagungsteilnehmer haben neben den spannenden Präsentationen auch die Gastfreundschaft des Heimatvereins Linstow genossen. Großen Anklang fanden hier insbesondere die wolhynischen Spezialitäten Piroggen und Borschtsch als Nervennahrung bei der Bearbeitung der Tagungsthemen.

Zum Programm


Es ist schon zu einer schönen Tradition geworden, dass sich am letzten Septemberwochenende Mitglieder und Freunde des Heimatvereins Linstow auf eine Bildungsreise begeben. In diesem Jahr führte sie nach Neuzelle, Eisenhüttenstadt und Frankfurt/Oder.
Bei herrlichem Sonnenschein besuchten wir am Freitag die bedeutendste barocke Klosteranlage des Landes Brandenburg in Neuzelle. Eine Führung vermittelte uns viele interessante Fakten zur Geschichte des Zisterzienserklosters und die unterschiedliche Nutzung während der NS-Zeit und in der DDR. Beeindruckt waren wir vom Prunk der katholischen Stiftskirche St. Marien, deren über 70m hoher Glockenturm bereits aus der Ferne sichtbar ist. In ihrer barocken Ausstattung ist die Kirche einfach fantastisch. Nicht weniger beeindruckt waren wir auch vom Klostergarten. Es ist die einzige barocke Parkanlage Brandenburgs und hat uns mit den Wege-und Wasseranlagen, den steil abfallenden Terrassen, der Orangerie, den gepflegten Rabatten sowie den Gemüse-und Kräuterbeeten begeistert.
Am Sonnabend war Frankfurt/Oder unser Ziel. Am Vormittag besuchten wir die Heilandskapelle in der Heimkehrsiedlung, eine kleine Holzkirche, die in ihrer Bauart wohl einmalig in Deutschland ist. Bei einem Vortrag über die Geschichte und der anschließenden Führung erfuhren wir von ihrer großen überregionalen Bedeutung als Erinnerungsort für die Situation der Kriegsgefangenen des 1. Weltkrieges. Die Heilandskapelle wurde 1915 von russischen Kriegsgefangenen in einfacher Holzbauweise als kulturelles Zentrum des Lagers errichtet und erst 1928 zu einer evangelischen Kirche geweiht. Hier fanden Theateraufführungen, Konzerte, Gottesdienste und Lesungen für die Kriegsgefangenen statt.  Schwere Krankheiten und die Folgen immer schlechterer Ernährung kosteten mehreren Hundert Gefangenen das Leben. Für sie wurde ein Friedhof angelegt, den wir auch besuchten. Am Nachmittag waren wir im kulturhistorischen Museum Viadrina im Junkerhaus, wo die Stadt-und Regionalgeschichte aufbereitet wurde und sich eine sehenswerte Sammlung alter Musikinstrumente befindet. Tief bewegt waren alle von der anschließenden Führung durch Konrad Tschäpe in der Gedenk- und Dokumentationsstätte „Opfer politischer Gewaltherrschaft“ in den Jahren 1933-1945 und 1945-1989. Kaum vorstellbar, welches Unrecht politischen Gefangenen angetan wurde.
Den Sonntagvormittag verbrachten wir in Eisenhüttenstadt. Durch die Ausstellung im Museum Utopie und Alltag kamen viele Erinnerungen an das Leben in der DDR wieder in unser Gedächtnis. Auf der Heimreise besuchten wir die Gedenkstätte Seelower Höhen. Sie erinnert an die größte Schlacht des 2. Weltkrieges auf deutschem Boden. Mehr als 100.000 Soldaten unterschiedlicher Nationen starben hier. Wir waren erschüttert  diese Bilder von den Gefallenen zu sehen und wünschten uns, dass solche Dinge nie wieder geschehen. Doch leider zeigt die aktuelle Lage, dass diese Erinnerungen nicht Mahnung genug sind.
Unser Dank gilt an dieser Stelle Frau Anne Drescher, Landesbeauftragte für Mecklenburg- Vorpommern für die Aufarbeitung der SED-Diktatur für die finanzielle Förderung sowie Frau Margitta Schmoock für die Reisevorbereitung und Durchführung dieser Reise, die diese zu einem bildenden und emotional bleibenden Erlebnis für alle Teilnehmer machte.
Anneliese Bittner


22.09.2022

Vom 2. bis 4. September 2022 feierte der Heimatverein Linstow das 30. Museumsfest unter der Schirmherrschaft von Bürgermeister Wilfried Baldermann.

Lesung wolhynischer Zeitzeugenberichte
Am Freitag eröffnete Johannes Herbst den historischen Teil des Museumsfests. Zunächst berichtete Dr. Kostiuk aus Luzk über die Erinnerungsarbeit zur deutschen Besiedlung in der Westukraine und der Einrichtung eines Museumszimmers zur ehemaligen Kolonie Wincentowka. Im Mittelpunkt standen dann Flucht- und Vertreibungsgeschichten aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Ingrid Böttger berichtete über Familie Schubert, die aufgrund politischer Spannungen bereits vor Kriegsbeginn Wolhynien verlassen musste. Ulrich Hojczyk verlas die Geschichte der Familie Hartwig/Kisser, die nach Umsiedlung und Flucht in Linstow den Neuanfang gewagt hatte. Beispielhaft für das Schicksal der polnischen Bevölkerung hat Joanna Thoß den Bericht von Elżbieta Orzechowska vorgelesen, die eindrücklich die Fluchtumstände ihrer Mutter von Wolhynien nach Zentralpolen beschrieben hat. Abschließend stellte Julia Tenzer erste Ergebnisse des Medienworkshops zur Geschichte der Wolhyniendeutschen vor, der am Tag zuvor in Linstow beendet worden ist. Die Berichte aus deutscher, polnischer und ukrainischer Perspektive beeindruckten die Zuhörer sehr und führten beim anschließenden Buffet zu angeregten Gesprächen.

Das Kulturprogramm
Am Samstag stimmten die Vereinsmitglieder zum Auftakt des Kulturprogramms das Wolhynierlied an. Der Vereinsvorsitzende Johannes Herbst begrüßte die Gäste, Freunde und Unterstützer des Museums und dankte allen für die jahrelange Treue. Das Museum, das in diesem Jahr sein 30. Museumsfest feierte, sei ein echtes Wendekind, aber auch ein echtes Wunderkind, da bei der Gründung niemand damit gerechnet hatte, dass es einmal auf eine solche Erfolgsgeschichte zurückblicken kann. Er erinnerte an wichtige Stationen beim Ausbau des Museumsgeländes. Besonderer Dank gebührte Hilde Jöllenbeck, die durch eine großzügige Spende die Gründung der „Stiftung für wolhyniendeutsche Geschichte und Kultur“ angeregt hat. Eindringlich rief sie die anwesenden Gäste dazu auf, die Stiftung durch weitere Spenden zu unterstützen.
Es folgten die Grußworte der Ehrengäste. Den Auftakt machte Bürgermeister Baldermann, gefolgt vom Landtagsabgeordneten Torsten Renz und dem Bundessprecher der Landsmannschaft Weichsel-Warthe, Dr. Martin Sprungala. Die Präsidentin des Rotary-Clubs Güstrow übergab dem Heimatverein einen Spendenscheck zur Unterstützung der Museumsarbeit. Prof. Methling hob seine besondere Verbindung zum Thema Flucht und Vertreibung durch seine Familiengeschichte hervor.
Beim folgenden geselligen Teil konnten sich die Gäste bei Kaffee und Kuchen austauschen und den Vorführungen lauschen, wie der Tanzgruppe aus Rostock, dem Dreschflegelwettbewerb oder einer Gesprächsrunde zur Entstehung des Museums. Das Gespräch am Gartenzaun mit Brigitte Schönfelder und Ernst Reimann sorgte für große Erheiterung. Abschluss und musikalischer Höhepunkt bildete das Konzert des Blasorchesters der Freiwilligen Feuerwehr Güstrow.

Heimatgottesdienst mit ukrainischen Flüchtlingen
Am Sonntag gestalteten die Pastoren Anja Fischer und Oliver Behre zusammen mit dem Rostocker Propst Dirk Fey, der die Predigt hielt, den Gottesdienst in der Kiether Kirche. Die anwesenden ukrainischen Flüchtlinge stimmten beim Gottesdienst ein altes ukrainisches Lied an. Nach dem gemeinsamen Mittagessen endete das 30. Museumsfest mit der Kranzniederlegung zum Gedenken an die Opfer von Flucht und Vertreibung im „Garten des Gedenkens“, der Erteilung des Reisesegens durch Pastor Behre und dem Hinweis auf das 31. Museumsfest, das vom 1. bis 3. September 2023 stattfinden wird.


Am Sonntag, den 11. September 2022 findet bundesweit der Tag des offenen Denkmals statt, um das baukulturelle Erbe in Deutschland bekannter zu machen. Das Wolhynier Umsiedlermuseum ist im Rahmen dieses Aktionstags von 10:00 bis 17:00 Uhr geöffnet.

Führungen zur Geschichte der Wolhyniendeutschen werden um 12:00 Uhr und 14:00 Uhr angeboten. Außerdem besteht die Möglichkeit, die Wanderausstellung "Geflüchtet, vertrieben, entwurzelt: Kindheiten in Mecklenburg 1945 bis 1952" zu besichtigen, die an diesem Tag letzmalig in Linstow gezeigt wird.

Der Eintritt ist frei. Für Kaffee und Kuchen ist gesorgt.


Am Mittwochabend ging der dreitägige Medienworkshop zur Geschichte der Wolhyniendeutschen im Wolhynier Umsiedlermuseum zu Ende. Neun interessierte junge Menschen aus der Ukraine und Deutschland beschäftigten sich am Beispiel der Wolhyniendeutschen mit Flucht und Vertreibung. Einige Teilnehmenden kommen selbst aus einer wolhynien- oder russlanddeutschen Familien. Die aktuelle Situation in der Ukraine war allgegenwärtig, insbesondere auch weil eine Teilnehmerin erst kürzlich das umkämpfte Land verlassen musste.

Während der drei Tage lernten sie viel über die Situation von Vertriebenen und Geflüchteten und führten Interviews mit Zeitzeugen aus Linstow. Zum Abschluss zeigten sie den anwesenden Vereinsmitgliedern in der Veranstaltungsscheune des Museums die Rohfassung ihrer Projektergebnisse. Entstanden sind zwei Kurzfilme und mehrere Texte, die auszugsweise beim Museumsfest gezeigt und später auf der Webseite des Museums veröffentlicht werden.


Vom 15.–24. August 2022 führen das Nordost-Institut (IKGN e.V.) und das Kulturreferat für Russlanddeutsche eine Sommerakademie zum kulturellen Erbe der historischen Region Wolhynien für Studierende in Linstow und Detmold durch. Obwohl diese Region in der heutigen Nordwestukraine im allgemeinen Bewusstsein eher unbekannt ist, gibt es durch hunderttausende Lebenswege und Biographien eine enge Verbundenheit mit Deutschland. Zusammen mit deutschen und ukrainischen Experten aus Museum und Wissenschaft werden sie erinnerungskulturelle Bezüge zwischen Wolhynien und Deutschland kennenlernen. Mit dem Wolhynier Umsiedlermuseum in Linstow und dem Museum für Russlanddeutsche Kulturgeschichte in Detmold besuchen sie zwei zentrale Orte dieser kulturellen Verflechtungsgeschichte.

Für weitere Informatione und zum Programm


Der Heimatverein Linstow hat über das landesweite Projekt „100 Laptops für 100 Heimatstuben“ des Heimatverbands Mecklenburg-Vorpommern e.V. einen Laptop mit Büro-Software als Dauerleihgabe erhalten. Ziel ist es, die technische Ausstattung für die ehrenamtliche Vereinsarbeit zu verbessern. Der neue Laptop wird nun vielseitig eingesetzt, beispielsweise bei der Pflege der Webseite, der Mitgliederverwaltung oder der Kommunikation per E-Mail.

Realisiert werden konnte dieses Projekt durch das Konjunkturprogramm für den Kultur- und Medienbereich Neustart Kultur der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Verband für Archäologie und dem Ministerium für Wissenschaft, Kultur, Bundes- und Europaangelegenheiten Mecklenburg-Vorpommern.


„Du bist willkommen“ – unter diesem Motto stand der Kindernachmittag in der Bildungs- und Museumsscheune in Linstow am Freitag, den 13. Mai 2022. Elf deutsche und ukrainische Kinder, eine Großmutter und ehrenamtliche Helferinnen waren gekommen, miteinander eine Geschichte zu hören, zu basteln, zu spielen, zu essen und zu singen. Auf einer kleinen Bühne wurde die Geschichte von der Segnung der Kinder durch Jesus dargestellt – Gemeindepädagogin Tanja Krüger ließ die mitgebrachten Playmobilfiguren lebendig werden und erzählen. Jeder Satz brachte eine neue Überraschung und wurde direkt ins Russische übersetzt.

Bei Getränken und Keksen wurden Erlebnisse ausgetauscht – die Kinder kennen sich fast alle schon aus der Schule – und dann wurde der „Deutschkurs in der Streichholzschachtel“ gebastelt, den Flüchtlingspastorin Anja Fischer vom Zentrum Kirchlicher Dienste in Rostock mitgebracht hatte. Bei schönstem Sonnenschein und Outdoor-Spielen klang der Nachmittag im Garten des Wolhynier Umsiedlermuseums aus.

Der Kindernachmittag ist Teil eines Willkommensprojektes mit Integrations- und Unterstützungsangeboten für Geflüchtete aus der Ukraine in der Gemeinde Linstow und Umgebung. Das Projekt wird vom Flüchtlingsfonds der Ökumenischen Arbeitsstelle Mecklenburg finanziert und vom Heimatverein Linstow in Kooperation mit der Kirchengemeinde Krakow am See umgesetzt.


Bisher wurden in unserer Region noch keine Deutsch- und Integrationskurse für Geflüchtete aus der Ukraine angeboten. Deshalb hat der Heimatverein Linstow in Zusammenarbeit mit der Kirchengemeinde Krakow am See kurzfristig einen Sprachkurs organisiert.

Unter der Leitung von Vera Schwarz aus Hohen-Wangelin können aktuell 15 Erwachsene Grundkenntnisse der deutschen Sprache erwerben, damit sie sich im Alltag beim Einkaufen, beim Arzt oder mit den deutschen Nachbarn besser verständigen können.

Schon beim ersten Treffen zeigte sich, dass die Kursteilnehmer, in der überwiegenden Mehrzahl Frauen, schnell Deutsch lernen möchten. Wie beim Erlernen jeder Sprache ist aller Anfang schwer, besonders wenn statt der vertrauten kyrillischen zunächst die lateinischen Buchstaben erlernt werden müssen.

Das Projekt wird gefördert durch Mittel des Fonds für die Arbeit mit Flüchtlingen im Kirchenkreis Mecklenburg.


15.04.2022

Für die Ukrainerinnen und Ukrainer, die in Linstow und Serrahn Zuflucht gefunden haben, hat der Heimatverein Linstow am 13. April 2022 einen Familiennachmittag auf dem Museumsgelände veranstaltet.

Im Namen der Gemeinde hat Bürgermeister Wilfried Baldermann die Geflüchteten herzlich begrüßt und seine tiefe Anteilnahme zum Ausdruck gebracht. Auch seine Familie musste sich in den Wirren des Zweiten Weltkriegs auf die Flucht begeben und daher weiß er nur zu gut, was es bedeutet, die Heimat verlassen zu müssen. Die Gemeinde werde alles Erforderliche unternehmen, um die Geflüchteten in dieser schwierigen Situation zu unterstützen. Ein wichtiges Thema ist hier die Bereitstellung von zusätzlichem Wohnraum.

Johannes Herbst hat auf die besondere Beziehung der Museumsarbeit zum Krieg in der Ukraine hingewiesen. Er erinnerte an die Verfolgung der Deutschen in Ostwolhynien während des stalinistischen Terrors in den 30er Jahren und die Flucht der Wolhyniendeutschen zum Ende des Zweiten Weltkriegs vor der Roten Armee.

Flüchtlingspastorin Anja Fischer hat unter den staunenden Augen der Kinder die Ostergeschichte mit Playmobilfiguren erzählt und szenisch nachgespielt. Im Anschluss daran hat sie eine bewegende Osterandacht mit einem Friedensgebet für die Ukraine gehalten. Ernst Reimann hat auf dem Akkordeon das Wolhynierlied gespielt. Die Melodie war unseren ukrainischen Freunden wohl vertraut, sie wird dort aber zum Text des ukrainischen Liedes „Wolyn moja“ gesungen.

Während die Kinder beim Stelzenlaufen ihre Geschicklichkeit unter Beweis stellten, haben die Erwachsenen mit Kuchen und Bratwürsten den Nachmittag in geselliger Runde ausklingen lassen.


Am Sonntag, den 15.05.2022 um 15:00 Uhr lädt der Heimatverein Linstow zur Eröffnung der Ausstellung „Geflüchtet, vertrieben, entwurzelt: Kindheiten in Mecklenburg 1945 bis 1952“ ein. Die Ausstellung der Stiftung Mecklenburg und der Landeszentrale für politische Bildung MV zeigt, wie Kinder Krieg, Flucht und Ankunft in fremder Umgebung erlebt und durchlitten haben.

Dr. Berndt Seite liest im Anschluss daran aus seinem neuesten Buch „Der Wagen“. Der Ministerpräsident a. D. musste als Fünfjähriger mit seiner Familie aus Niederschlesien fliehen. In zwei Erzählungen verarbeitete er seine Fluchterfahrungen, die von Hunger, Tod und Gewalt bestimmt waren.

Die Veranstaltung am internationalen Museumstag bildet traditionell den Auftakt für unsere verlängerten Öffnungszeiten während der Sommersaison. Bis Mitte September ist das Museum nicht nur am Mittwoch von 14:00 Uhr bis 16:00 Uhr, sondern auch am Samstag und am Sonntag von 14:00 Uhr bis 16:00 Uhr für unsere Gäste geöffnet. 

Für das leibliche Wohl wird gesorgt. Der Eintritt ist frei. Wir bitten stattdessen um Spenden für die ukrainischen Flüchtlinge und hoffen auf rege Teilnahme.


Mit großer Bestürzung und Sorge verfolgt der Heimatverein Linstow den Krieg des russischen Präsidenten gegen die Ukraine. Erneut ist, wie so oft in der Geschichte, auch die historische Region Wolhynien von Tod und sinnloser Zerstörung betroffen. Während die Männer einen ungleichen Kampf gegen die anrückenden russischen und belarussischen Truppen führen, fliehen vor allem Frauen mit ihren Kindern in die westlich angrenzenden Staaten, wie Polen oder die Slowakei.

Unser Kooperationspartner, der Behindertenverband in Waren (Müritz), der seit vielen Jahren mit Behindertenverbänden in der Ukraine zusammenarbeitet, bittet um Spenden für die Behindertenhilfe in der Ukraine. Gerade die Schwächsten leiden am meisten unter den kriegerischen Handlungen.

Da die Lieferung von Sachspenden aufgrund der unübersichtlichen militärischen Lage momentan zu unsicher ist, bittet die Vorsitzende, Frau Rossek, um Geldspenden, die dann per Zahlungsdienstleister den örtlichen Behindertenverbänden direkt zugutekommen.

Kontoinhaber  Behindertenverband Müritz e.V.
Institut   Müritz-Sparkasse Waren
IBAN DE67 1505 0100 0700 1007 41
BIC NOLADE21WRN
  

Menschen mit einer besonderen Verbundenheit zur historischen Region Wolhynien können das Geld auch zielgenau für Einrichtungen in einzelne Oblaste, wie Wolyn, Riwne oder Schytomyr spenden. Neben dem allgemeinen Verwendungszweck „Spende Ukraine“ ist dann die jeweilige Oblast hinzuzufügen, z.B. „Spende Ukraine - Oblast Wolyn“.


Mit großer Bestürzung und Sorge verfolgt der Heimatverein Linstow den Krieg des russischen Präsidenten gegen die Ukraine. Erneut ist, wie so oft in der Geschichte, auch die historische Region Wolhynien von Tod und sinnloser Zerstörung betroffen.

Die Bedrohung, die sich seit der Annexion der Krim im Jahr 2014 angedeutet hatte und doch von vielen bis zuletzt geleugnet wurde, ist nun grausame Realität. Während die Männer einen ungleichen Kampf gegen die anrückenden russischen Truppen führen, fliehen vor allem Frauen mit ihren Kindern Richtung Westen in die angrenzenden Staaten, wie Polen oder Ungarn.

Als Solidaritätsbekundung mit den Freundinnen und Freunden in der Ukraine haben Mitglieder des Heimatvereins die ukrainische Flagge mit Trauerflor versehen und auf Halbmast gehisst. Sie bringen damit ihre Hoffnung zum Ausdruck, dass trotz der momentan ausweglosen Situation bald wieder Frieden in der Ukraine herrscht und sich das Land demokratisch und frei von äußerer Einmischung entwickeln kann.


Der Zugang zum Wolhynier Umsiedlermuseum war bisher nur über insgesamt drei Stufen möglich. Für Nutzer von Rollatoren oder Rollstühlen stellte dies ein fast unüberwindbares Hindernis dar. Da aufgrund des demografischen Wandels immer mehr Menschen mit Gehbehinderungen ins Museum kommen, bestand schon lange der Wunsch, einen barrierefreien Zugang zu schaffen. Dank einer Förderung durch das Programm „1Barriereweniger“ der Aktion Mensch konnte dies nun realisiert werden. Die Pflasterarbeiten hat Holger Cichon aus Bellin ausgeführt. Den Erfolg der baulichen Umgestaltung hat direkt nach der Fertigstellung eine Besuchergruppe des Behindertenverbandes Müritz aus Waren geprüft und für gut befunden.

Anlass für den Besuch der Gruppe im Museum, an dem auch Bürgermeister Wilfried Baldermann teilgenommen hat, war der langjährige Kontakt des Behindertenverbandes zu einem Behindertenverband aus der westukrainischen Stadt Horochiw. Dort haben bis 1939 neben Ukrainern, Polen und Juden auch Wolhyniendeutsche gewohnt, die schließlich zu Kriegsende nach Deutschland geflüchtet sind.

Die Vorsitzende des Behindertenverbandes, Hanni Rossek, hat dem Bürgermeister von Horochiw bei ihrem letzten Besuch in der Ukraine von unserem Museum berichtet. Er war sehr interessiert an unserer Erinnerungsarbeit zum Schicksal der Wolhyniendeutschen und bat Frau Rossek, dem Heimatverein Gastgeschenke, darunter einen handgestickten Tischläufer, zu überreichen.

Im nächsten Jahr ist dann der Gegenbesuch der ukrainischen Partner in Mecklenburg geplant. Johannes Herbst und Michael Thoß sprachen eine Einladung an die ukrainischen Gäste zur Besichtigung des Museums aus und freuen sich auf die neuen Kontakte in die historische Region Wolhynien. Die ukrainischen Partner werden bei ihrem Gegenbesuch von einem sechsköpfigen Kosakenchor begleitet. Sofort ist die Idee entstanden, dass der Chor auch in der Bildungsscheune auftreten soll. Geplantes Datum für den Auftritt ist der 4. Mai 2022.


29.11.2021

Dank der großzügigen Unterstützung der OSPA-Stiftung konnte das Wolhynier Umsiedlermuseum in Linstow neue Möbel für Besucherinnen und Besucher anschaffen.

Auf dem Museumsgelände fehlten Gartenmöbel, die witterungsbedingt unbrauchbar geworden sind und entsorgt werden mussten. Die Schüler der Produktionsschule des CJD Nord in Waren haben zusammen mit ihrem Anleiter Ferdinand Schwarz fünf Sitzbänke, drei Müllkörbe und drei Blumenkästen gebaut. Um eine längere Haltbarkeit zu gewährleisten, wurde Eichenholz gewählt.
Aufgrund der Corona-Pandemie und der steigenden Holzpreise hatte sich die Auslieferung immer wieder verzögert. Am Dienstag, den 27.10.2021 war es dann endlich soweit und die letzten Gartenmöbel wurden von den stolzen Handwerkern angeliefert.
Bereits im letzten Jahr konnten dank dieser Förderung leichte Klapphocker angeschafft werden, um Besucherinnen und Besuchern mit Gehbehinderungen den Museumsbesuch angenehmer zu gestalten. Nun können sie bei Führungen oder beim Lesen der Ausstellungstafeln ohne ermüdendes Stehen mehr über die spannenden Geschichten rund um das Schicksal der Wolyhniendeutschen erfahren.
Ein besonderer Dank gilt der Filiale der Ostseesparkasse in Krakow am See, die die Förderung erst möglich gemacht hat.


Der Holzzaun rund um das Wolhynier Umsiedlermuseum war nach fast 30 Jahren baufällig und musste dringend erneuert werden. Zaunpfähle und Zaunelemente waren durch Wind und Wetter morsch und teilweise bereits umgefallen. Groß war die Sorge der Vereinsmitglieder, dass im nächsten Jahr das 30. Museumsfest gleichsam auf einer Baustelle stattfinden muss. Nachdem bereits im letzten Jahr ein Teilstück hinter der Museumsscheune ersetzt worden war, fehlten nun noch ca. 240 Meter Zaun. Dank des großen Einsatzes von Gemeinderat und Amt Krakow am See konnten die fehlenden Finanzmittel über das LEADER-Programm eingeworben werden.

Zunächst haben dankenswerterweise Mitglieder des Angelvereins Linstow die alten Zaunelemente abgebaut und entsorgt. Die eigentlichen Arbeiten führte dann das Montageteam Krüger aus Lübsee aus. Das verwendete Material und die fachgerechte Ausführung der Arbeiten lassen die berechtigte Hoffnung zu, dass der Zaun lange Zeit seinen Dienst tun wird. So war die Abnahme durch Bürgermeister Baldermann und Frau Kapust vom Bau- und Ordnungsamt reine Formsache.

Der Vorstand des Heimatvereins bedankt sich im Namen aller Mitglieder ganz herzlich bei allen Beteiligten, allen voran Bürgermeister Baldermann, dass die Zaunerneuerung rechtzeitig vor dem nächsten Museumsfest realisiert werden konnte.


02.11.2021

Am 30.10.2021 hat der uns nahestehende Verein der Bugholendry seine diesjährige Mitgliederversammlung im Umsiedlermuseum in Linstow durchgeführt.

Die Mehrzahl der Mitglieder kommt aus Brandenburg und Sachsen-Anhalt. Einige von ihnen sind auch in unserem Verein vertreten und so war ihnen unsere Einrichtung nicht völlig unbekannt.

Mit leckeren Speisen wurden sie von unseren Vereinsmitgliedern Rosi Voigt und Nicole Durschak versorgt, die am Schluss der Versammlung mit großem Beifall bedacht wurden. Besonders geehrt wurde ein Gründungsmitglied aus Schwerin, Eduard Bütow, der alters- und krankheitsbedingt nicht teilnehmen konnte, aber am nächsten Tag von einer kleinen Delegation besucht wurde.

Die Bugholendry sind eine evangelisch-lutherische Siedlergruppe aus dem holländisch-niederdeutschen Raum, die im 17. Jahrhundert im Raum Brest am Grenzfluss Bug an der heutigen polnisch-belarussischen Grenze gesiedelt haben. Sie verstanden sich auf die Trockenlegung von Sümpfen und Mooren, lebten von Ackerbau und Viehzucht, bauten Gemüse und Kräuter an und züchteten Enten und Gänse.

Durch die mehrfache Teilung Polens im 18. Jahrhundert kamen sie zum russischen Zarenreich und lebten, wie auch die Wolhyniendeutschen, in friedlicher Nachbarschaft mit Polen, Russen, Ukrainern und Juden. Durch das starke Bevölkerungswachstum bekamen die Bugholendry bald die Bodenknappheit zu spüren. Als Anfang des 20. Jahrhunderts die Agrarreform in Russland, angeregt durch den damaligen Premierminister Stolypin, in Kraft trat, sind einige Familien nach Sibirien in den heutigen Forstbezirk Pichtinsk im Gouvernement Irkutsk gezogen. Dort gründeten sie drei Siedlungen, die bis heute - trotz aller politischen Umwälzungen - bestehen und bauten auch ein kleines Museum zur Dokumentation ihrer Siedlungsgeschichte auf. Typische Familiennamen der Siedler sind Ludwig, Hünenburg und Hildebrandt.

Da sich das ursprüngliche Siedungsgebiet der Bugholendry im Grenzgebiet von Polen, Weißrussland und der Ukraine befindet, ist die Zusammenarbeit mit den Partnern vor Ort nicht gerade einfach. Trotzdem ist der kleine Verein bemüht, die Kontakte - auch nach Sibirien - nicht nur zu erhalten, sondern im Sinne der Völkerverständigung auszubauen. Dafür wünschen wir gutes Gelingen und viel Kraft bei der weiteren Arbeit gemeinsam mit uns.


Am Samstag, den 04.09.2021, eröffneten die Mitglieder des Heimatvereins mit dem Wolhynierlied das 29. Museumsfest in Linstow. Der Vorsitzende, Johannes Herbst, ehrte zum Auftakt seine langjährige Stellvertreterin Erika Werner. Im Namen des Vorstands ernannte er sie in Anerkennung ihrer jahrzehntelangen Verdienste um den Aufbau und Erhalt des Umsiedlermuseums zur Ehrenvorsitzenden.

Es folgten dann die Grußworte der Ehrengäste. Den Anfang machte der diesjährige Schirmherr des Museumsfests, Landesinnenminister Torsten Renz. Der Minister hat durch seine wolhynischen Familienwurzeln eine besondere Verbundenheit zum Linstower Museum und berichtete, dass seine Vorfahren zweimal vertrieben wurden, das erste Mal infolge des Ersten Weltkriegs von Wolhynien ins Baltikum bzw. nach Ostpreußen und von dort 1945 nach Mecklenburg. Die Themen Flucht und Vertreibung seien heutzutage aktueller denn je und er sagte dieser einzigartigen Bildungs- und Gedenkstätte seine weitere Unterstützung zu. Aufgrund der langjährigen Freundschaft zum Heimatverein Linstow ernannte Johannes Herbst den Innenminister zum Ehrenmitglied.

Anschließend folgte das Grußwort des Bürgermeisters der Gemeinde Dobbin-Linstow, Wilfried Baldermann, der auf die tatkräftige Unterstützung der Gemeinde beim Erhalt des Museumsgeländes hinwies. Die Beauftragte für Heimatvertriebene und Spätaussiedler des Landes Hessen, Margarete Ziegler-Raschdorf, erinnerte mit Blick auf die ausschließlich projektgebundene Förderung des Museums an die Pflicht, die Bund und Ländern aus § 96 Bundesvertriebenengesetz (BVFG) auferlegt ist, um das Kulturgut der Vertreibungsgebiete dauerhaft zu wahren.

Auch der Geschäftsführer der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen, Thomas Konhäuser, bekundete in seinem Grußwort, dass für das Wolhynier Umsiedlermuseum in Linstow Wege gefunden werden müssen, um zukünftig seinen Betrieb auf eine dauerhafte finanzielle Grundlage zu stellen. Für das kommende Jahr plant die Kulturstiftung in Zusammenarbeit mit dem Museumsleiter Michael Thoß eine internationale Fachtagung zur spannungsreichen Geschichte der Wolhyniendeutschen, die mit der Umsiedlung in den „Warthegau“ im Zweiten Weltkrieg als Spielball der rassistischen Großraumpolitik der Nationalsozialisten missbraucht wurden und in den letzten Kriegsmonaten unter dramatischen und chaotischen Umständen flüchten mussten.

Der Bundessprecher der Landsmannschaft Weichsel-Warthe, Dr. Martin Sprungala,würdigte in seinem Grußwort die herausragende Arbeit des Heimatvereins Linstow und dankte Vorstand und Vereinsmitgliedern für das enorme ehrenamtliche Engagement. Stellvertretend für alle Vereinsmitglieder zeichnete er den Vorsitzenden, Johannes Herbst, mit der Silbernen Ehrennadel der Landsmannschaft aus. Zum Abschluss stellte sich der politische Nachfolger von Eckhardt Rehberg vor. Dr. Stephan Bunge betonte, dass er zwar erst zum zweiten Mal im Museum ist, aber das Museum unterstützen wird, soweit es in seiner Macht steht.

Beim folgenden geselligen Teil, bei Kaffee und Kuchen, konnten sich die Besucherinnen und Besucher austauschen und alte Kontakte wieder auffrischen. Die sich anschließenden Vorführungen, wie das Gespräch über den Gartenzaun mit einem wolhynischen Sprach-Quiz, die Tanzgruppe der Ballettschule Rostock, die Tombola, die verschiedenen Musik- und Gesangseinlagen und der traditionelle Dreschflegelwettbewerb wurden vom Publikum mit viel Beifall quittiert. Nach dem Abendessen mit wolhynischen Gerichten spielte als besonderer Höhepunkt das Landespolizeiorchester mit bekannten Melodien auf und regte so manches Paar zum Tanzen an.


Der Sonntag begann mit dem traditionellen „Heimatgottesdienst“. Pastor Behre erinnerte an die sorgenvolle Frage: „Wie geht es weiter?“ Diese Frage hat Generationen von wolhynischen Familien auf ihrer langen Wanderschaft mit mehrmaliger Zwangsumsiedlung und Flucht begleitet. Und diese Frage bewegt gerade jetzt die Menschen in Afghanistan und anderen Krisenregionen unserer Welt und sie wird uns alle angesichts der Klimakrise noch lange nicht loslassen. Die biblische – topaktuelle – Antwort hieß: „Tröstet die Kleinmütigen! Tragt die Schwachen!“ (1. Brief an die Thessalonicher 5,14)

Mit diesem Zuspruch ging es daraufhin zum „Garten des Gedenkens“. Nach der Verlesung eines Zeitzeugenberichts von Klaus Giese folgte das Totengedenken durch Pastor Oliver Behre und Pastorin Anja Fischer sowie die Kranzniederlegung durch unsere Justizministerin Katy Hoffmeister und die hessische Landesbeauftragte für Heimatvertriebene und Spätaussiedler, Frau Margarete Ziegler-Raschdorf.

Anschließend geschah etwas ganz Besonderes: Zwei Apfelbäumchen mit einer einzigartigen Geschichte wurden nach ihrer langen Reise durch Zeit und Raum rechts und links des Mahnmals für die Opfer von Flucht und Vertreibung in die Erde gepflanzt - mit der Erinnerung an den Satz, den die Legende Martin Luther zuschreibt: „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“

Dieser Satz, so die Worte von Pastorin Fischer, steht für tiefes Gottvertrauen und zugleich für die trotzige Zuversicht: Die Welt mag untergehen, aber wir glauben an eine Zukunft. Wo Zerstörung und unfassbares Leid herrscht, da hören wir nicht auf, zu hoffen, zu glauben und dafür zu arbeiten, dass etwas Neues wachsen kann. Gerade jetzt, wo das Weltklima auf dem Spiel steht und wo es so viel Elend auf der Welt gibt – da sagen diese Bäumchen: Das Leben geht weiter, es gibt einen neuen Anfang. Einen Baum pflanzen bedeutet, über den eigenen Horizont, über die eigene Begrenztheit hinaus zu hoffen.

Diese Apfelbäumchen kommen aus einer Zeit, in der eine ganze Welt, eine einzigartige Kultur des friedlichen Zusammenlebens, zerstört wurde. Nachdem die Deutschen weggezogen waren im Winter 1940, da sollte fortan nichts mehr an sie und an das kleine wolhynische Dorf Marinkow erinnern.

Deutsche, ukrainische, jüdische und polnische Familien hatten dort lange friedlich miteinander gelebt, inmitten blühender Obstbäume, reich tragender Felder und regem Austausch zwischen den kulturellen und religiösen Eigenheiten sowie den verschiedenen Sprachen innerhalb der Dorfgemeinschaft. Mehrere alte Zeitzeuginnen hatten dies bei unseren Besuchen vor Ort eindrucksvoll bezeugt und damit bestätigt, was wir schon von unseren deutschen Zeuginnen und Zeitzeugen gehört hatten: „Bei uns war Europa“ – so hatte es einer von ihnen zusammengefasst.

Nach dem Wegzug der Deutschen wurde alles zerstört, alle Häuser, Gärten und Felder, alle Bäume und auch die Brunnen wurden dem Erdboden gleichgemacht. Auch die verbliebenen Einheimischen wurden vertrieben und im Nachbardorf angesiedelt. Wie durch ein Wunder ist jedoch ein Apfelbaum stehen geblieben. Gut getarnt, nämlich versteckt am Waldrand, wurde er damals übersehen und vergessen. Und so wuchs und blühte er weiter und brachte seine Früchte, und die Menschen aus dem Nachbardorf Beresk kommen bis heute jedes Jahr im Herbst dorthin, um seine Früchte zu ernten – die übrigens sehr gut schmecken sollen.

Im vergangenen Winter haben die einheimischen Freundinnen und Freunde aus Beresk und Luzk für uns die Reiser geschnitten, und, mitten in der Corona-Krise, mit mehreren zeitlichen Verzögerungen, mit einem enormen logistischen und organisatorischen Aufwand über mehrere Stationen und Kuriere zu uns nach Deutschland geschickt. In einer regionalen Baumschule wurden sie, inzwischen fast verdorrt, auf frische Unterlagen aufgepfropft und zu neuem Leben erweckt – als Zeichen der Verbundenheit, der gemeinsamen Erinnerung und der Hoffnung auf eine gute Zukunft für alle Menschen diesseits und jenseits unserer Grenzen.

Einige weitere derart veredelte Apfelbäumchen wurden noch unter den Besuchern und Besucherinnen versteigert, und nach einem – wie immer – reichhaltigen Mittagessen mit Schmalzbroten, Borschtsch und Piroggen endete das 29. Museumsfest mit dem christlichen Reisesegen.


Das 29. Museumsfest wurde am 03.09.2021 traditionell mit einem Vortragsabend eröffnet. Der Vorsitzende des Linstower Heimatvereins, Johannes Herbst, konnte weit über 50 Gäste zur Auftaktveranstaltung begrüßen, die die Vorträge der Referenten mit großer Spannung und Aufmerksamkeit verfolgten.

Zunächst stellte Thomas Konhäuser, Geschäftsführer der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen, die Arbeit dieser überregional agierenden Einrichtung vor. Neben der Erhaltung des Kulturgutes und der Traditionen aus den Vertreibungsgebieten ist die Erinnerung an die Heimat ein besonderes Anliegen. Die Stiftung betreut Forschungen zur Zeitgeschichte, unterstützt die Kulturarbeit von Einrichtungen der Vertriebenen, berät die Betreiber von ostdeutschen Heimatsammlungen und kooperiert mit den deutschen Minderheiten in Osteuropa. Besonders betont wurde dabei die Brückenbaufunktion der Stiftung zwischen den Ländern, Kulturen und Menschen, damit sich die schrecklichen Ereignisse der Vergangenheit nicht wiederholen.

In besonderer Weise würdigte Herr Konhäuser die langjährige Arbeit des Linstower Heimatvereins beim Aufbau, Unterhalt und der Entwicklung des Wolhynier Umsiedlermuseums. Das Museum sei in der Bundesrepublik Deutschland einzigartig. Daher sei es von größter Bedeutung, dass die öffentliche Hand ausreichende Finanzmittel bereitstellt, um den Erhalt des Museums zu sichern.

Weiter ging es per Livestream mit zwei überaus interessanten Vorträgen zur wechselvollen Geschichte der Wolhyniendeutschen von Prof. Jan Musekamp von der Universität Pittsburgh (USA) und Adrian Kissmann vom Goethe-Institut in Porto Alegre (Brasilien). Prof. Musekamp referierte schwerpunktmäßig zu den bisher nur wenig beachteten Wanderungsbewegungen der Wolhyniendeutschen in der relativ kurzen Zeit zwischen den 1880er Jahren und dem Ersten Weltkrieg. Aufgrund des starken Nationalismus im zaristischen Russland verschlechterten sich zunehmend die Lebensbedingungen der deutschen Siedler. Aus wirtschaftlicher und sozialer Not suchten sie neue Siedlungsgebiete und so hat es sie an unterschiedlichste Orte der Welt von Sibirien über das Baltikum bis nach Nord- und Südamerika verschlagen.

Oft war es eine beschwerliche Reise ins Ungewisse. Viele hatten in der neuen Heimat nach schwierigem Anfang Erfolg, nicht Wenige scheiterten. Einige kehrten auch wieder nach Wolhynien in die damalige Heimat zurück. Der Referent vermittelte ein lebendiges Bild über die schwierige Situation von Auswanderern in der damaligen Zeit und zeigte erstaunliche Ähnlichkeiten zu den aktuellen Migrationsbewegungen.

Abschließend berichtete Adrian Kissmann eindrucksvoll am Beispiel seiner Familie über die Einwanderung von Wolhyniendeutschen nach Brasilien und ihre Sesshaftwerdung in dem neuen fremden Land mit ungewohnten klimatischen Bedingungen. Die persönliche Geschichte, angefangen mit dem zugereisten Urgroßvater, gewürzt mit Daten, Fakten und Anekdoten, regte unweigerlich zum Einfühlen und Nachdenken an.

Dieser Abend war für unseren Heimatverein durch die multimediale Inszenierung, die Live-Zuschaltung aus den USA und Brasilien, ein neuer Höhepunkt. Für die umfangreiche Vorbereitung und störungsfreie Durchführung danken wir unserem Museumsleiter Michael Thoß in besonderer Weise.