Das 24. Museumsfest 2016

Vom 9. bis 11.9.2016 fand in Linstow, im Landkreis Rostock, das 24. Museumsfest des Wolhynischen Umsiedlermuseums statt. Das ansonsten am ersten Septemberwochenende stattfindende Fest mußte wegen der Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern um eine Woche verlegt werden, zumal das Museum als Wahllokal genutzt wurde.

Die Eröffnungsveranstaltung mit Vortrag Flüchtlinge in der DDR am 9.9.2016

Am Freitagabend eröffnete der Leiter des Museums, Johannes Herbst, um 18 Uhr die Veranstaltung und begrüßte die mal wieder zahlreich erschienenen Gäste. Es folgte wie üblich das Wolhynierlied (von Kantor Ludwig Mietz aus Kadyschtsche, geb. am 22.8.1873 in Wyborg in Russisch-Finnland), gesungen vom Chor der Linstower Mitarbeiter. In seiner Ansprache ging der Vorsitzende auch auf die Wahl im Land ein und bekundete sein Bedauern, dass auch in Dobbin-Linstow viele Protest gewählt haben. Weiterhin berichtete er über die Aktivitäten des Vereins seit dem letzten Jahr und begrüßte die Gäste und Ehrengäste, darunter den Bundessprecher der Landsmannschaft Weichsel-Warthe (LWW), Dr. Martin Sprungala, den mitgereisten neuen stellvertretenden Bundessprecher Dr. Lothar Jakobi, Pastor Oliver Behre vom Hilfskomitee der evangelisch-lutherischen Deutschen aus Polen e.V. und mehrere Vorstandsmitglieder des Historischen Vereins Wolhynien, u. a. den stellvertretenden Vorsitzenden und Vorsitzenden des Heimatkreisausschusses Wolhynien in der LWW, Walter Manz, und Frau Mechthild Walsdorf.
Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V., vertreten durch den Landesgeschäftsführer Karsten Richter aus Schwerin, hatte den heutigen Abend organisiert und im Obergeschoß der Bildungsscheune die Ausstellung „Zwangsmigration im 20. und 21. Jahrhundert“ plaziert, durch die er nach dem heutigen Vortrag wegen des großen Interesses die Teilnehmer in zwei Gruppen führte.
Über das Jahresthema „Flucht und Vertreibung“, mit Schwerpunkt auf die Zeit nach 1945 in der DDR, sprach von Frau Dr. Ute Schmidt aus Berlin. Sie ist bessarabiendeutscher Herkunft und wurde nach der Umsiedlung in der Posener Kreisstadt Schrimm (Śrem) geboren. Als Projektleiterin arbeitet sie im Forschungsverbund SED-Staat an der FU Berlin und ist Redaktionsmitglied der Zeitschrift des Forschungsverbundes SED-Staat.
Sie berichtete von den großen Schwierigkeiten ihrer Forschung, denn seit 1946 gab es in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) keine gesonderte Statistik mehr für Vertriebene und Flüchtlinge, die unter diesem Begriff ohnehin nie geführt werden durften und anfangs als „Umsiedler“, später als „Neubürger“ bezeichnet wurden. Auf diese Weise wurden viele Daten bewußt vernichtet bzw. gar nicht erst erfaßt. Unter diesen „Umsiedlern“ gab es eine besonders selbstbewußte, starke und mutige Gruppe, die sich für ihre Rechte einsetzte und ihre Enteignung und Vertreibung brandmarkte. Das waren die sog. „Antifa-Umsiedler“ aus dem Sudetenland, die als Widerstandskämpfer gegen das nationalsozialistische System im Sozialismus einen guten Leumund genossen. Bis 1952 traten die Vertriebenen und Flüchtlinge z. T. noch aktiv auf, erst dann wurden alle Organisationen verboten und propagiert, dass das „Umsiedlerproblem“ gelöst sei. Die Hoffnung auf eine Rückkehr in die Heimat blieb aber bei vielen noch sehr lange erhalten.

Das 24. Museumsfest (10.9.2015)

In diesem Jahr fand erstmals kein Arbeitsgespräch der mit Wolhynien beschäftigten Gruppen statt, da der Veranstalter J. Herbst die vergangenen Gespräche als wenig zielführend und erfolglos erachtete.
Anders als im letzten Jahr, in dem es kühl und regnerisch war, herrschte nun bestes Wetter kein Wölkchen trübte den Himmel. Die Temperaturen stiegen auf für den September erstaunliche 30° C. Zur Freude des Vorsitzenden hieß das gute Wetter bringende Hoch auch noch wie er Johannes.
Um 14 Uhr eröffnete der Vorsitzende Johannes Herbst das diesjährige Museumsfest und begrüßte die von nah und fern angereisten Ehrengäste: den Bundestagsabgeordneten Eckhardt Rehberg, den Landtagsabgeordneten Torsten Renz, die Gäste aus der Ukraine, Svitlana Voloshyna aus Czernowitz (Tscherniwzi, früher Hauptstadt der Bukowina) in der Südukraine – Nachwuchskulturpreisträgerin der LWW des Jahres 2012 – und Olga Tybor aus Luzk, weiterhin die Vorstandsmitglieder des Bundesverbandes der LWW, Dr. Martin Sprungala, Dortmund, und Dr. Lothar Jakobi, Hagen, den stellvertretenden Vorsitzenden des Hilfskomitees der evangelisch-lutherischen Deutschen aus Polen e.V., Pastor Oliver Behre, Münchenbernsdorf, mit einer ihn begleitenden afghanischen Flüchtlingsfamilie, Walter Manz, Gernrode, Vorsitzender des Heimatkreisausschusses Wolhynien in der LWW, zudem des Freundeskreises Moczulki und stellvertretender Vorsitzender des Historischen Vereins Wolhynien, und des weiteren den Vertreter der Landeszentrale für politische Bildung, Heinrich-Christian Kuhn, Schwerin.
In seiner Ansprache kam Herr Herbst auch auf das Ergebnis der erst kürzlich erfolgten Landtagswahl zu sprechen und betonte, daß die darin spürbaren Ängste und Ausländerfeindlichkeit ein Ergebnis von fehlender Bildung seien. Die eigene Geschichte sei nur unzureichend bekannt und er betonte: „Stellt man sich nicht den Problemen, so stellen die Probleme uns.“ Auch er bekundete, so wie sein nachfolgender Redner, daß man in Deutschland auf hohem Niveau klagen würde.
Die Aufgabe des Museums arbeitet gerade an diesen genannten Problemen, denn seine Funktion sei die Wissensvermittlung, die der politischen und finanziellen Unterstützung bedürfe.
In seiner Ansprache bekundete der Bundestagsabgeordnete Eckhardt Rehberg, daß auch er aus einer Flüchtlingsfamilie stamme. Der Vater kam aus Ostpreußen, die Mutter aus dem Sudetenland. Sie hat ihm immer wieder zu der Lebenssituation nach 1945 gesagt: „Willkommen waren wir nicht.“ Natürlich war die Konstellation nach 1945 eine andere als heute, denn alle Flüchtlinge und Vertriebene kamen aus dem deutschen Kulturkreis und in Mecklenburg-Vorpommern waren damals etwa 56 Prozent der Bevölkerung Flüchtlinge und Vertriebene. Heftig kritisierte er die heute vielfach verbreitete falsche und ungerechte Kritik an den gegenwärtigen Flüchtlingen.
Als nächstes folgte das Grußwort des Bundessprechers der LWW, Dr. Martin Sprungala, der mehr auf die aktuelle Arbeit des Bundesverbandes und ihre Schwierigkeiten einging. Umso erfreulicher sei es angesichts zahlreicher Verluste in diesem Jahr, daß mit Dr. Jakobi ein neuer Mitarbeiter gewonnen werden konnte. Auch dem heute bereits mehrfach angesprochenen Thema hat sich die LWW bei ihrer Bundeskulturtagung – natürlich mit einem starken Blick auf die Zeit nach 1945 – angenommen.
Unterstützung findet das Umsiedlermuseum auch durch die Landeszentrale für politische Bildung. In seinem Grußwort bekundete Herr Heinrich-Christian Kuhn seine Freude über seine Teilnahme. Jedes Mal, wenn Herr Herbst ihn in Schwerin besucht, bringt er neue Idee mit. „Das ist Ehrenamt par excellence. Daher unterstützen wir das Umsiedlermuseum gerne.“
Auch der gerade erst wiedergewählte Landtagsabgeordnete Torsten Renz bekundete seine Verbundenheit und sagte weitere Unterstützung zu.
Pastor Oliver Behre kam ebenfalls auf das aktuelle Thema zu sprechen und lobte die vor einem Jahr von der Bundeskanzlerin ausgesprochenen Worte „Wir schaffen das“ und er verwies auf das Schicksal seiner wolhynischen Großmutter nach 1945, die den Neubeginn dank der Hilfen im Westen auch geschafft hat.
Walter Manz berichtete ebenfalls über die aktuelle Arbeit der LWW und den vor einer Woche stattgefundenen Tag der Heimat, der mit guter LWW-Beteiligung in Berlin stattgefunden hat. Es sei wichtig, Geschichte zu erleben und ihr zu begegnen. Seitens der Politik sagte man ihm: „Wolhynien kommt viel zu kurz“ und dies läßt auf eine stärkere Unterstützung hoffen.
Auch die ukrainischen Gäste stellten sich vor, wobei dies bei Svitana Voloshyna gar nicht mehr notwendig ist. Sie erinnerte an die vielen gemeinsamen Fahrten nach Wolhynien und lud die Teilnehmer des Festes in die Ukraine ein.
Olga Tybor teilte mit, dass sie Vorsitzende des erst kürzlich neu gegründeten Vereins der Deutschen in Luzk sei. Sie selbst lernte in der Schule deutsch und erfuhr erst dadurch, daß ihr aus Odessa stammender Großvater selber Deutscher war.
Herr Herbst begrüßte auch den Vertreter der Landesregierung, Ministerialrat Ulrich Hojczyk vom Justizministerium in Mecklenburg-Vorpommern
Es folgte das gemeinsame Kaffeetrinken mit musikalischen und künstlerischen Darbietungen. Wie auch in den vorherigen Jahren erwartete die Besucher wieder das Gespräch „Am Gartenzaun“ zwischen Emil und Milscha, alias Ernst Reimann und Erika Groß, in wolhynischer Mundart.
Auch dieses Jahr wurde ein Dreschwettbewerb mit alten Dreschflegeln veranstaltet und zum Abschluß eine Tombola, in der man die Präsente örtlicher Unternehmen gewinnen konnte.

Der wolhynische Heimatgottesdienst mit Kranzniederlegung und Vortrag

Der diesjährige Heimatgottesdienst mußte ohne Begleitung durch den terminlich verhinderten Männergesangvereins Laage stattfinden. Pastor Oliver Behre gestaltete die Predigt nach dem Bibelspruch 2 Timotheus 1,7 „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“
Anschließend trafen sich die Teilnehmer am im Mai 2015 eingeweihten Gedenkstein wieder. Pastor Behre gedachte der Opfer von Flucht, Vertreibung, Umsiedlung und Deportation und sprach ein Gebet. Das Blumengesteck legten Ernst Reimann und Dr. Martin Sprungala dann am Ehrenmal nieder. Damit ist bereits zum dritten Mal das Museum auch als Ort des Gedenkens genutzt worden.
Zum Abschluss erteilte Pastor Behre für die spätere Abreise der Teilnehmer den Reisesegen.
Der Vorsitzende, J. Herbst, bat anschließend alle Teilnehmer noch einmal in der Bildungsscheune zu einem Vortrag Platz zu nehmen. Es sprach der 87-jährige Pastor Uwe Holmer über sein Leben und die deutschlandweit bekannteste und umstrittenste Episode aus seinem Leben und las aus seinem Buch, seinen Lebenserinnerungen „Der Mann, bei dem Honecker wohnte.“ (erschienen 2009)
Bereits nach dem Gottesdienst hat er jedem seine Schrift „Warum ich kein Atheist geworden bin“ überreicht und sie auch den Enkeln ans Herz gelegt hat. Holmer selbst hat, wie er später sagte, 10 eigene Kinder und 5 aus der ersten Ehe seiner zweiten Frau, und 49 Enkelkinder.
Gelebtes Christentum war dem 1929 in Wismar geborenen Theologen immer sehr wichtig und er erzählte von bedeutsamen Erfahrungen in seinem Leben, die ihm aufzeigten, wie wichtig das Vertrauen zu Gott ist und der richtige Weg. Gute und richtige Ziele mit falschen Mitteln zu erreichen, gelingt nie, war seine Lebensweisheit.
Natürlich berichtete er auch ausführlich über seine Begegnung mit dem Ehepaar Erich und Margot Honecker (30. Januar bis zum 3. April 1990) und die Zeit der Wende im Jahr 1989/90, für die er sehr dankbar ist. Er war seit 1983 Leiter der Hoffnungstaler Anstalten Lobetal, die sich vor allem um die Patienten des Lobetaler Fachkrankenhauses für Neurologie, Psychiatrie und Epileptologie kümmerten. Die Arbeit mit Behinderten hat er als sehr erfüllend und dankerntend beschrieben. Seit seiner Pensionierung arbeitet er in der Rehaklinik für Suchtkranke in Serrahn (bei Linstow).
Den Abschluß des Museumsfestes bildete auch in diesem Jahr ein letztes gemeinsames Mahl, ehe sich alle auf den Heimweg begaben.
Das nächste, das 25. Museumsfest ist für den 1. bis 3.9.2017 anberaumt.

nach oben