Ausflug nach Sliwniki

Am Ortseingang von Sliwniki Am Samstag , den 23.7. 2011 trennen meine Mutter und ich uns nach der Stadtrundfahrt in Lodz von der Gruppe um nach Sliwniki zu fahren.
Meine Mutter hat in Sliwniki gewohnt. Sie ist als Kind von Sliwniki zu Fuß durch die Felder nach Ozorkow gegangen. Von dort ist sie mit der Tram 1 1/2 Stunden nach Lodz zur Schule gefahren.
Die Linie 46 gibt es immer noch und ist mit 36 km Länge die längste Straßenbahnlinie Polens.

Die Tram Wir wollen ihren Schulweg noch einmal gehen bzw. fahren.
Mit Hilfe der Reiseleiterin Anna kaufen wir Karten und setzen uns in die nächste Tram.
Zuerst fahren wir durch das jüdische Viertel. Das Ghetto Litzmannstadt, auch Ghetto Lodsch, in Lódz, unter der deutschen Besatzung umbenannt nach dem General und NSDAP-Mitglied Karl Litzmann (1850–1936), war von 1939 bis 1944 eines der größten Jüdischen Wohnbezirke / Judenghettos des nationalsozialistischen „Deutschen Reichs“ . Es diente, wie die anderen NS-Ghettos auch, vor allem als Zwischenstation vor der Deportation in die Vernichtungslager Kulmhof (Chelmno nad Nerem), Auschwitz II, Majdanek, Treblinka und Sobibor. Meine Mutter erzählt mir, dass sie als Kinder das Ghetto nie beachtet haben. Sie hatten Angst vor den Juden. Man hatte ihnen erzählt, dass die Juden immer vor Ostern ein unartiges Christenkind schlachten .

Die KircheAußerhalb von Lodz kann meine Mutter ziemlich genau sagen was als nächstes kommt: Zgierz, die Abzweigung nach Aleksandrow , Wälder und in Ozorkow die Kirche, in der sie konfirmiert wurde. An der Endhaltestelle steigen wir aus. Meine Mutter ist etwas orientierungslos.Wir müssen in Richtung Parzeczew. Sie will in die eine Richtung, ich in die andere. Ich habe mich gut vorbereitet und mir einen Plan ausgedruckt. Aber um des lieben Friedens willen gebe ich nach und wir gehen zurück zur nächsten Kreuzung. Dort steht ein Schild: Parzeczew. Es zeigt in die Richtung, aus der wir gekommen sind. Meine Mutter will nicht zurück. Sie hat Hunger. Etwas weiter ist eine Bar. Ihr Polnisch ist wieder recht gut und sie fragt, ob es etwas zu essen gibt. Wir haben die Wahl zwischen Hot Dog und Hambugern. Jetzt ist sie nach Ozorkow gekommen um den ersten Hot Dog ihres Lebens zu essen. Ich drängele zum Aufbruch, weil uns die Zeit weg läuft, aber sie will mir erst noch Ozorkow zeigen und etwas zu Essen für die Rückfahrt am Sonntag kaufen. Ich merke: sie will nicht nach Sliwniki und sage es ihr den den Kopf zu. Sie antwortet: "Du und dein Sliwniki." - "Nicht mein Sliwniki, dein Sliwniki!"

Nein, sie will nicht nach Sliwniki. Sie will lieber nach Parzeczew. Dort war die Familie nach Kriegsende bei einer polnischen Familie untergebracht. Die Erinnerungen an Parzeczew sind nicht so schlimm wie an Sliwniki.

Der Weg nach Sliwniki Ich erinnere sie an Tutschin und zwinge sie förmlich mit mir nach Sliwniki zu gehen. Es wird ihr sonst wieder leid tun.
Unterwegs erzählt sie mir von einer jungen Frau, die heiraten wollte. Das Brautkleid war schon fertig.Als die Russen einmarschiert sind wurde die Frau gezwungen ihr Brautkleid anzuziehen und wurde erhängt.

Das Haus von früherSliwiniki besteht nur aus einer Straße und wir finden schnell die Stelle, wo das Haus gestanden hat. Rechts und links stehen noch Ruinen der Nachbarhäuser.

Das Tor zum Gutshaus Auch den Feldweg nach Ozorkow gibt es noch. Wir gehen diesen Weg zurück und als wir uns Ozorkow nähern erzählt sie mir wieder ganz genau was als nächstes kommt: die Bahn und das Gutshaus mit dem See, wo sie als Kind baden durfte. Auch andere Häuser erkennt sie wieder und findet den Weg zur Tramstation ohne Probleme.

Wir nehmen die nächste Bahn und fahren zurück.
Sie ist jetzt doch froh hier gewesen zu sein. Sliwniki ist für sie schöner geworden. Tuczyn dagegen ist ungepflegter geworden.

Birgit Mingen