Bildungsfahrt nach Bremerhaven

Die Teilnehmer der Bildungsfahrt nach Bremerhaven Bremerhaven – ist das eine Reise wert? Das haben sich sicher einige der Mitglieder und Freunde des Heimatvereins Linstow, welcher diese Fahrt organisiert hatte, gefragt.

Am Freitag, dem 18.September 2009 starteten 30 Interessierte eine Busreise nach Bremen und Niedersachsen. Es war eine Dankeschönreise und Bildungsreise zum Thema Flucht und Vertreibung für die Aktiven des Linstower Heimatvereins, die sich unermüdlich für den Verein und darüber hinaus einsetzen. Das Wetter konnte besser nicht sein, die Erwartung war groß und die Stimmung gut.

Erhard Niehusen, unser Busfahrer vom Van der Valk Resort Linstow, chauffierte uns sicher durch alle Baustellen fast pünktlich zur Jugendherberge Bremerhaven.

Schnell wurden die Zimmer belegt, sich etwas frisch gemacht und dann ging es zum Deutschen Auswandererhaus. Im Herzen der Urlaubsregion Nordseeküste am Traditionshafen an der Weser gelegen, steht es an einem geschichtsträchtigen Ort.

Vor dem Auswandererhaus Auswandern, wenn auch zwangsweise als Vertriebene, mussten auch einige unserer Mitfahrenden als Nachfahren der Wolhynier. So gibt es Parallelen zum Schicksal vieler Auswanderer, die infolge großer Not oder als Flüchtlinge, wie die vielen Juden, ihre deutsche Heimat verließen.

Mehr als 7 Millionen Auswanderer traten zwischen 1830 und 1974 von Bremerhaven aus die Schiffspassage nach Übersee an. Dort, wo sie Europa verließen, befindet sich mit dem Deutschen Auswandererhaus das größte Erlebnismuseum des Kontinents zum Thema Auswanderung. Man fühlt sich sofort in das Ende des 19. Jahrhunderts versetzt, wenn man die authentisch nachgestaltete Szenerie der Passagiere am Pier sieht, die noch nicht an Bord des Schnelldampfers gegangen sind, der ihnen den Aufbruch in ein neues Leben, aber auch in’s Ungewisse ermöglicht.

Warum haben in den beiden letzten Jahrhunderten so viele Menschen Europa den Rücken gekehrt? Das erfährt man in der „Galerie der 7 Millionen“. Hier kann man die Biografien und Schicksale der Auswanderer und zwangsweise Flüchtenden kennenlernen. Man sieht bei dem Rundgang, was es heißt, in der III. Klasse entbehrungsreich über den Atlantik reisen zu müssen. Bei Seegang ist es eng, dunkel, stickig.

Die größte Einwanderungsstation der USA war Ellis Island, die „Insel der Tränen“ im Schatten der Freiheitsstatue. Hier wurde über das Schicksal der Einwanderer entschieden.

Sie durften nur einreisen, wenn sie die Fragen der Einwanderungsinspektoren richtig und in deren Sinne beantworteten. Auch einige unserer Reisenden hatten Familienangehörige, die auswanderten, sei es, um der finanziellen Not zu entfliehen oder aus Abenteuerlust. Dokumentarfilme zeigen, wie Auswanderer in den USA und in Südamerika in ihrer neuen Heimat leben. Haben sich ihre Träume erfüllt?

Interessant ist auch die Fotoreihe „Lena. Portrait einer deutsch-russischen Auswanderung 2003 – 2008“. Fast 2,5 Stunden fesselte uns der Rundgang. Bis zum Abendessen im Speisesaal des Deutschen Auswandererhauses „Steak & Fish“ genossen wir das herrliche Wetter individuell in der Stadt. Der Tag endete mit einem fröhlichen Beisammensein mit Singen und Musizieren.

Der Sonnabend begann mit einer Stadtrundfahrt durch Bremerhaven. Die Stadt ist erst 180 Jahre alt. Sie wurde auf Betreiben der Bremer Stadtoberen gegründet, weil der Hafen in Bremen für die Handelsschiffe zu schnell versandete. Kurzzeitig hieß die Stadt Wesermünde, wurde nach dem II. Weltkrieg aber wieder in Bremerhaven umbenannt. Einen alten Stadtkern gibt es nicht, im Krieg wurde 90 % der Bausubstanz zerstört, ganze Straßenzüge sogar zu 98 %! Einzelne Jugendstilfassaden sind noch erhalten.

Bremerhaven hat den drittgrößten Containerterminal und den größten Autoumschlagplatz Europas. Tausende Import- oder Exportautos standen versandfertig und abholbereit dort – eigentlich fällt es doch gar nicht auf, wenn wir pro Familie ein neues Auto mitnehmen...

Insgesamt vergingen die 2 Stunden Stadtrundfahrt mit den vielfältigen Sehenswürdigkeiten, unter anderem auch mit dem Wohnhaus von Lale Andersen, dem U-Boot „Wilhelm Bauer“ und dem Klimahaus, sehr schnell.

Dieses Klimahaus Bremerhaven 8° Ost inmitten des touristischen Areals Havenwelten besuchten wir am Nachmittag. Immer entlang des 8. Längengrades erlebt man die schroffe Landschaft der Schweizer Alpen und die Gluthitze der Sahelzone, gelangt man von Afrika in die Antarktis, über die Südsee nach Alaska und schließlich durch das Wattenmeer zurück nach Bremerhaven. Eine einzigartige Erlebniswelt zum Thema Klima gibt Antworten darauf – und schickt die Besucher auf eine Reise um die Welt. Das war auf jeden Fall sehenswert und lehrreich für den Umgang mit unserer Umwelt!

Der Sonnabend klang aus im Schaufenster Fischereihafen, dem historischen Teil des größten Fischereihafens Europas. Beeindruckend ist neben dem Seefischkochstudio, dem Theater im Fischereihafen oder dem „Atlanticum“ (einem Meerwasserbecken mit Meeresfischen) die Vielfalt der Fischgastronomie. In einem dieser Restaurants aßen wir leckeren Fisch. Anschließend unterhielten wir uns, das Personal und andere Besucher mit Musik und Gesang, Ernst Reimann mit seinem Akkordeon und Hannes Herbst mit seiner Bassstimme immer vorneweg. „So etwas habe ich noch nicht erlebt!“ – das waren begeisterte und liebe Worte einer unserer jungen Kellnerinnen zum Abschied für unsere musikalische Truppe.

In WorpswedeAm Sonntag, dem 20. September 2009, hieß es Taschen packen und ab nach Worpswede, eine Stunde von Bremerhaven entfernt. In Worpswede, seit fast 120 Jahren Künstlerkolonie, erwartete uns eine Führung durch den Ort. Dieses mittlerweile weltbekannte Dorf ist ein beliebter Erholungsort geworden. In zahlreichen Galerien und Museen begegnen alte Worpsweder Meister wie z. B. Fritz Mackensen, Otto Modersohn oder Paula Modersohn-Becker der Vielfalt der zeitgenössischen Kunst.

Interessant auch die Geschichte der Zionskirche, die eine äußerst schlichte Ausstattung und auch Arbeiten von Paula Modersohn-Becker und Clara Rilke-Westhoff aufweist. Der Friedhof an der Kirche ist auch Ruhestätte von Malern, Schriftstellern und Kunsthandwerkern, unter ihnen Fritz Mackensen und Paula Modersohn-Becker. Unser Rundgang führte uns zufällig in das Atelier Eva Brexendorf. Die Künstlerin selbst zeigte und erläuterte ihre Arbeiten. Nach der Führung hatte jeder die Möglichkeit, bis zur Heimreise den Ort individuell zu erkunden. Das wurde bei dem schönen Wetter reichlich genutzt. Der Eine oder Andere genoss im „Kaffee Worpswede“ Kaffee und herrlichen Kuchen.

Beeindruckt von Bremerhaven und ohne Stau und Komplikationen traf unser Bus am Abend in Linstow ein. Ein großes Danke an die Organisatoren Frau Lengnink und Herrn Herbst, an den Heimatverein und unseren Busfahrer! Wir freuen uns schon auf die Reise im kommenden Jahr!

Karin Pflüger
i. A. des Heimatvereins Linstow e. V.

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