Die Bildungsreise des Wolhynischen Heimatvereins Linstow e.V. 2019

Auch in diesem Jahr war es dank der Unterstützung der Landeszentrale für Politische Bildung und des Justizministeriums Mecklenburg-Vorpommern wieder möglich, dass der Wolhynische Heimatverein Linstow e.V. am 28.09. und 29.09.2019 eine Bildungsreise zu Orten politischen Unrechts, Flucht und Vertreibung durchführen konnte. Es war die 20. Bildungsreise und sie nahm ihren Anfang im Schweriner Schloss. Dort empfing uns der Landtagsabgeordnete Torsten Renz (CDU). Im neuen Plenarsaal berichtete er über die parlamentarische Arbeit. Dabei spielt leider zunehmend auch die Auseinandersetzung mit nationalistischen und geschichtsvergessenen Ansichten von Parlamentariern am rechten politischen Rand eine Rolle. Für viel Freude und Erstaunen hat die Schlossführung von Frau Glania gesorgt, die uns auf verborgenen Wegen - immerhin über 600 Stufen - zu den historisch und baulich schönsten und interessantesten Plätzen des Hauses führte. Beiden sei für ihr Engagement an diesem Samstag herzlich gedankt. Weiter ging es nach Wöbbelin zur Theodor Körner Gedenkstätte. Hier wurde noch zu Beginn des Jahres 1945 ein KZ Außenlager des Konzentrationslagers Neuengamme eingerichtet. Die Leiterin, Frau Ramsenthaler, führte uns vor Ort eindrücklich vor Augen, wie die Schergen des NS Regimes ca. 6000 Menschen aus 25 Nationen dort zusammentrieben. Etwa 1000 ihnen starben an Hunger und Entkräftung, die sanitären Verhältnisse waren unvorstellbar. Durch zahlreiche Dokumente, Filmmaterial und Zeitzeugenberichte wurden uns die menschenverachtenden Zustände deutlich gemacht. Zahlreiche Massengräber erinnern an diese Zeit. Umso bedrückender war die Erkenntnis, dass das Lager auch nach 1945 durch die Sowjets als Internierungslager für Evakuierte, Flüchtlinge und Vertriebene weitergeführt wurde. Auch Großbauern und Grundbesitzer, die sich ihrer Enteignung widersetzt hatten, wurden zeitweise hier interniert. Es ist auch bekannt, dass Vertriebene aus Wolhynien nach Wöbbelin gekommen sind. Unter dem Eindruck der Führung und der Erklärungen von Frau Ramsenthaler führte uns unsere Exkursion am späten Nachmittag des ersten Tages wieder nach Schwerin. In der Jüdischen Gemeinde empfing uns Rabbiner Kadnikov sehr herzlich. Er hatte ausnahmsweise trotz des jüdischen Feiertages und des bevorstehenden jüdischen Neujahrsfestes für uns Zeit gefunden, um uns etwas über die Geschichte der Juden in Mecklenburg zu erzählen. Dazu versammelten wir uns in der 2008 neu errichteten Synagoge im Hof des jüdischen Gemeindezentrums. Das Schicksal der Juden war auch in Mecklenburg von Vertreibung, Unterdrückung und Diskriminierung bis Mitte des 19. Jahrhunderts geprägt. Einer kurze Zeit der Anerkennung und Gleichberechtigung folgte unter dem NS-Regime die völlige Vernichtung. Auch die Synagoge wurde vernichtet, ihre Fundamentreste sind im Eingangsbereich noch sichtbar. Mit der friedlichen Revolution und der Wiedervereinigung wurde es möglich, dass jüdisch stämmige Bürger der ehemaligen Sowjetunion in Deutschland eine neue Heimat fanden. Über die Jahre kamen etwa 2.500 von ihnen nach Rostock, Schwerin und Wismar und belebten das jüdische Leben und die jüdischen Gemeinden neu. Rabbiner Kadnikov gewährte uns einen Einblick in seine vielfältige Arbeit. Dazu öffnete er auch den Toraschrank und erklärte uns an Hand einer 200 Jahre alten Gebetsrolle den jüdischen Jahreskreis. Die Texte der Tora sind vergleichbar mit den Texten des christlichen Alten Testaments der Bibel. Nach angeregten Gesprächen über das Gemeindeleben und jüdische Lebensvorschriften und Bräuche fuhren wir, angefüllt mit den unterschiedlichsten Eindrücken und Emotionen, die uns dieser Tag gebracht hatte, zu unserer Unterkunft in Schwerin-Mueß. Am Sonntag führte die Exkursion bei regnerischem Wetter und wenige Tage vor dem 30. Gedenktag an die wieder gewonnene Deutsche Einheit zur Gedenkstätte GRENZHUS in Schlagsdorf. Dr. Andreas Wagner und Herr Martin Klähn vom Verein Politische Memoriale e.V. Mecklenburg-Vorpommern führten uns durch die Ausstellung und das Außengelände. Dort sind die DDR - Grenzsperranlagen als Originalnachbau zu sehen. Wir bekamen einen Eindruck von dem DDR – Grenzregime an der innerdeutschen Grenze und erfuhren bewegende Geschichten von Flucht und Vertreibung unter der Teilung Deutschlands. Besonders hat uns die Familiengeschichte eines Vereinsmitgliedes berührt, deren Familie aus dem Grenzstreifen innerhalb von 24 Stunden entschädigungslos zwangsausgesiedelt wurde. Heute zählt der Bereich des ehemaligen Grenzstreifens zum besonders geschützten Biosphärenreservat Schaalsee. Im GRENZHUS konnten wir bei einem gemütlichen Mittagessen unsere Eindrücke austauschen. Zum Abschluss nach zwei ereignisreichen Tagen fanden wir Stille und Einkehr im ältesten Gebäude von Schlagsdorf - der über 800 Jahre alten Kirche. Allen, die uns diese bewegenden und ereignisreichen Tage ermöglicht haben gilt unser herzlicher Dank.

Ulrich Hojczyk

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